Wenn Henry bei meinem Thor ganz unerwartet Hitzewallungen diagnostiziert

Eigentlich hat der Tag für mich recht gut begonnen, schließlich waren die Wetteraussichten für den Odenwald recht passabel. Sonne und Wolken mit Steigwerten bis 2 m/s waren lt. GAFOR 46 für heute zu erwarten. Was lag also näher, als spontan einen weiteren kleinen Streckenflug zu planen. Von Michelstadt im Odenwald wollte ich zum Kaffee nach Worms fliegen und dabei auch gleich einen alten Freund besuchen. In aller Ruhe konnte ich meine Kilo-Bravo aufbauen und alles für den Kaffeeflug vorbereiten.  Eile war nicht angesagt, denn vor 13:00 Uhr LT würde sich im Rheintal thermisch eh nichts tun. Die Sicht war dort zu diesem Zeitpunkt noch zu schlecht, als dass ich mich auf meine Reise begeben würde. Um 13:30 LT wollte ich es dann aber doch schon mal probieren, schließlich war der Odenwald in Richtung Westen frei und die Basis lag bei ca. 1.000 m MSL. Kurz nach T/O konnte ich zwar voraus zum Rheintal blicken, doch das schien in einen dichten grauen Schleier eingepackt zu sein. Also blieb mir erst mal nichts anderes übrig, als weit vor der Bergstraße nach Süden abzudrehen und erst einmal in Ruhe den Odenwald von oben zu genießen. Fünfundvierzig Minuten später war es dann soweit, Worms war in der Ferne schon verschwommen auszumachen. Jetzt konnte ich mich mit westlichem Kurs erst einmal ganz beruhigt bis Bensheim vorarbeiten und die Lage Richtung Worms aus nächster Nähe peilen. Sah alles gut aus, so dass ich mich zum Weiterflug nach Worms entschied, wo ich zehn Minuten später auch problemlos landen konnte. Die ganze Zeit hat mein Polini-Thor freudig und zufrieden hinter mir geschnurrt, so wie ein zufriedenes Angorakätzchen.
Nach Erledigung der üblichen Flugplatz-Formalitäten, konnte ich mir im Flugplatzrestaurant eine Tasse Cappuccino und einen wunderbaren Apfelkuchen gönnen. Im Anschluss daran konnte ich auch noch meinen alten Freund Günter besuchen und mit ihm über alte, gemeinsame Zeiten in Bad Sobernheim schwätzen.

Parken auf dem Vorfeld neben dem Tower in Worms
Nach einem ausführlichen Outside-Check mit Prüfung des Kühlwasserstandes im Ausgleichsgefäß, war ich bereit zum Rückflug nach Michelstadt. Anlassvorgang, Rollen zum Rollhalt sowie der anschließende T/O mit vorschriftsmäßigem Ausflug aus der Platzrunde und Abmeldung von der Wormser Frequenz, alles verlief ohne Probleme und wieder schnurrte mein Polini hinter mir wie ein zufriedenes Angorakätzchen. Kurz nach T/O die erste Leistungsreduzierung auf 6.800 RPM und Steigen auf 1.300 m MSL. Damit war gut über die Kante am westlichen Rand des Odenwaldes zwischen Bensheim und Heppenheim zu kommen, um in aller Ruhe nach Michelstadt weiter zu fliegen. Die Motordrehzahl war inzwischen auf 5.800 Umdrehungen reduziert, schließlich wollte ich in aller Ruhe den restlichen Flug bis Michelstadt genießen. Bensheim und Heppenheim hatte ich inzwischen passiert und bereits 10 km in den Odenwälder Outback eingeflogen. Mein Polini schnurrte immer noch zufrieden vor sich hin und auch ich war mit dem Flugverlauf bisher vollauf zufrieden.

Dann urplötzlich und ohne irgendwelche Vorzeichen fängt mein FlyHenry an zu spinnen. Nach seiner ganz persönlichen Diagnose hatte mein Polini plötzlich Hitzewallungen bekommen, ohne Begleitmusik durch Quietschen, Pfeifen oder Motorkotzen! „Warning – Temp. 105°C“ blitzte es in Henrys farblosem Display ganz plötzlich auf. Dann 68°C und zwei Sekunden später 83°C gefolgt von 98°C und wieder „Warning – Temp 105°C„. Wahrscheinlich hätten meine persönlichen Temperatur- und Blutdruckkurven in diesem Moment genau so alarmierend ausgesehen. Sofort umdrehen – Motor abstellen bevor der ganz verreckt. Sicherheitslandung in Heppenheim einleiten solange dies noch möglich ist. Und während Henry immer noch im Sekundentakt wirre Wassertemperaturen und Warnungen meldet, schaltet mein Gehirn den Panikmodus ab und legt den Schalter um auf klares und analytisches Technikerdenken.

Den Zündungsschalter auf „AUS“ zu legen hatte ich mir kurz zuvor noch verkniffen, nachdem der erste Schock verflogen war. Eigentlich konnte der ganze Spuk doch überhaupt nicht sein. Keine abnormalen Geräusche von hinten, kein Stottern und kein Kotzen – nichts. Mein kleiner Italiener schnurrte friedlich vor sich hin wie immer. Hatte ich in Worms beim Kühlwassercheck den Deckel vom Ausgleichsgefäß nicht richtig geschlossen? Hat sich bis hierher vielleicht schon die Hälfte meines Kühlwasservolumens über den Odenwald ergossen? Oder war vielleicht ein Kühlwasserschlauch gerissen oder abgegangen? Nichts von alledem konnte nach meinem Technikverständnis sein, denn dann hätte die Kühlwassertemperatur rapide ansteigen und nicht wie wild hin- und herspringen dürfen. Leistungsveränderungen hatten lange Zeit überhaupt nichts gebracht; die Situation blieb unverändert. Nach zwei großen Vollkreisen im Gleitbereich von Heppenheim war klar: Das konnten keine realen Temperaturwerte sein. Da muss entweder der Fühler oder der Henry spinnen. Fühlerelement defekt, Kabelbruch oder loser Kabelstecker – alles war möglich, nur kein Wasserverlust durch einen weggeflogenen Deckel oder einen geplatzten Kühlerschlauch.

Also wieder Kurs auf Michelstadt mit weiter gedrosselter Motordrehzahl, bis der Platz sicher erreichbar war. Inzwischen hatten sich die vom Henry gemeldeten Fieberattacken des Polini auch wieder gelegt und im Landeanflug war die Wassertemperatur bei „angeblich“ 78°C und somit im grünen Bereich.
Die erste Fehlersuche nach dem Abstellvorgang war ohne Befund. Kein fehlender Deckel, kein geplatzter oder abgegangener Kühlerschlauch und auch kein Wasserverlust – nichts. Sichtkontrolle des Temperaturfühlers nach Ausbau war ohne Befund, ebenso die dazu gehörenden Kabelanschlüsse und Steckverbindungen unterhalb der Motorverkleidung.

Also geht demnächst das Troubleshooting weiter, sobald das Wetter wieder beständig und vor allen Dingen fliegbar wird. Zwei Fehlermöglichkeiten kommen für mich somit in Betracht:
1. Fehler im FlyHenry PPG-Meter
2. Fühlerlelement intern defekt
Da ich zur Fehlereinkreisung jedoch jedes der beiden Teile erst einmal austauschen müsste, werde ich im nächsten Schritt einen längeren Standlauf durchführen und dann einen Werkstattflug im Gleitbereich von Michelstadt machen. Ich hoffe, dass ich dabei „fündig“ werde. Aber wer weiß, vielleicht liegt der Hund ja an einer ganz anderen Stelle begraben, die ich bis jetzt überhaupt noch nicht auf dem Schirm habe.
Vielleicht hat ja auch ein anderer Song´ler bereits die gleiche oder eine ähnliche Erfahrung gemacht und kann mir wertvolle Tipps zur Fehlereinkreisung geben. Wäre doch genial! Auf jeden Fall werde ich erneut darüber berichten, sobald ich fündig geworden bin und den Fehler beseitigen konnte.
Stay tuned!

Beitrag erstmals am 07. Oktober 2017 auf UL-Segelflug.de veröffentlicht

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